Diese Seite befindet sich in Überarbeitung. Die nachfolgenden Aussagen beziehen sich ausschließlich auf Wölfe, welche sich in Gefangenschaft befinden und dort erforscht wurden.
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Bei der Entwicklung der meisten Säugetiere gehen wir davon aus, dass die umgebenden Entwicklungsbedingungen die Genese einzelner Individuen maßgeblich beeinflußt. Hierzu gehören zum einen natürlich all die fördernden und sicherheitgebenden andererseits aber auch alle hemmenden bzw. sich nachteilig auswirkenden Faktoren. Für die menschliche Entwicklung stehen verschiedene Ansätze, u.a. bedürfnistheoretische (MASLOW) als Erklärungsgrundlage bereit. Insofern gilt das primäre Existenzbestreben der Absicherung von fundamentalen Grundbedürfnissen. Die Sicherstellung von Nahrungsvorräten oder eines schutzgebenden Unterschlupfes können an dieser Stelle genannt werden. Erst nach der Erfüllung dieser Existenzgrundlagen strebt der Mensch nach emotionaler Selbststimulation, mit dem Endziel eines selbstreflektierenden, sich in die Gesellschaft einbringenden, Wesens. Was hat all dies nun mit dem Verhaltensrepertoire eines Tieres oder gar mit dem eines Wolfes zu tun?
Sicher sind wir in Auseinandersetzungen über die Entwicklung von Tieren, hier im Speziellen den Hunden, auf Argumentationsketten gestoßen, die sich ähneln. Insofern ist den meisten von uns tatsächlich klar, dass es von Grund auf keinen bösen Hund oder gar Kampfhund gibt. Sicher hat der Mensch innerhalb seiner Manipulation des genetischen Ursprungsmaterials (Wolf) versucht, für bestimmte Verwendungszwecke eingens angepasste Hunde zu züchten. Ein Hund mit einem spitz auslaufenden Fang gelingt es nun einmal besser Mäuse zu fangen, als einem Hund mit einer breiten Schnauze. Insofern modifizierte ein schlauer Nachtwächter aus Weimar die genetischen Ausgangslagen verschiedener Hunderasse miteinander und züchtete so den Dobermann. Nun sagt man dieser Hunderasse (wie vielen anderen Rassen auch) eine gewisse Grundschärfe nach. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist sicherlich das auffällige Verhalten einiger dieser Vierbeiner - zudem dies gerne medienwirksam publiziert wird. Wie dem auch sei, in diesem Zusammenhang wird oft darauf verwiesen, dass der Hundeführer/Halter das Tier zu dem gemacht hat, was es ist. So haben wir bei Hunden die Möglchkeit auf die Ausprägung einzelner Charaktereigenschaften Einfluß zu nehmen. Grundsätzlich geht es um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen dem Vermitteln von schutzgebender Sicherheit und dem Setzen von angemessenen Grenzen. Nur so kann sich ein Hund mit uns und in unserer Gesellschaft zurecht finden, ohne den Halt zu verlieren.
Verhalten
Wie schon kurz darauf verwiesen sieht die Entwicklung des Wolfes und seines Verhaltens etwas anders aus. So beschreibt Erik Ziemen, dass Wolfswelpen, die erst nach dem 16. Lebenstag mit dem Menschen in Berührung kommen, kaum noch zu sozialisieren sind. In der Folgezeit gelingt es dem Menschen kaum noch, einen primären Einfluß auf die Entwicklung eines Wolfes ausüben zu können. Wölfe besitzen (anders als Hundewelpen) ein, durch ihr genetisches Ursprungsmaterial angelegtes, Fluchtverhalten gegenüber artfremdes Lebewesen. Im Gegensatz hierzu lassen sich selbst ältere Hunde auf neue Lebensumgebungen ein und gewöhnen sich meist an ein neues, soziales Umfeld. In diesem Zusammenhang wird davon ausgegangen, dass die Sozialisationsphase bei Wölfen wesentlich kürzer bemessen ist, als die der Hunde. Wölfe bevorzugen im Laufe ihres Lebens und innerhalb ihres Reviers ein relativ nomadisches Leben. So streifen und jagen sie gemeinsam im Rudel innerhalb ihres Terretoriums. Die Nahrungszufuhr erfolgt unmittelbar nach dem Jagderfolg. Unabhängig von der Rudelstellung ist (lt. Erik Ziemens Beobachtungen) aber der nährende Grundgehalt aller Rudelmitglieder abgesichert. Die Wölfe fressen die Beute, soweit es ihre physiologischen Dispositionen zulassen, vollständig auf. Im Gegensatz zu anderen Raubtieren legen Wölfe keine Nahrungsdepots an.
Innerhalb ihrer Ontogenese durchleben Wolfswelpen eine rasante Entwicklung. Ihre physiologiche Entwicklung orientiert sich an den Bedürfnissen des Überlebens in der Natur. Die ersten Lebenswochen nutzen Wölfe, um sich das körperliche Grund-Know-How "anzusaugen". In dessen Folge entwickeln sich die Gliedmaßen und alle anderen überlebswichtig-relevanten Körperbestandteile in einer rasanten Geschwindigkeit, so dass sie nach dem Erreichen der Mobilität schon sehr frühzeitig auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet sind. Begleitend hierzu vollzieht sich die rasante, "mentale" Entwicklung der Wölfe. Bereits in der sechsten Woche verfügen Wolfsjunge über den Großteil ihres späteren Verhaltensrepertoires. Anders als Hunde sind Wölfe relativ schnell in der Lage, u.a. ihr Jagdverhalten derart zu ökonomisieren, dass am Ende ein erfolgreicher Beutegang steht. Die evolutionsmäßige Belassenheit hat den Wolf von Natur aus mit den entsprechenden Instinkten und Techniken besonnen. Wölfe lernen sehr schnell, welche Jagdtechniken von Erfolg gekrönt sind und welche nicht. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass der Wolf aus fehlgeschlagenen Beutegängen - sowohl mit Blick auf die Auswahl der Beuteobjekte, als auch der Umgebungsanalyse - lernt. Im Gegensatz zum Jagdverhalten der Hunde jagen Wölfe, wenn die Erfolgsaussichten überwiegend realistisch erscheinen. Der dann folgende Einsatz gestaltet sich mit dem Ziel der Nahrungsversorgung effizient und kompromißlos.
Kommunikation
Wenn wir auch heute immer noch glauben, dass unsere menschliche Sprache als qualitativ höchster Standard anzusehen ist müssen wir uns dennoch eingestehen, dass animalische Kommunikationsformen auf der Erde existieren, deren Inhalt und Form wir bislang noch nicht entschlüsseln konnten. Insofern stellt sich für mich gelegentlich die Frage nach der Definition und den Kriterien einer "hochwertigeren" Kommunikation. Bleiben wir an dieser Stelle lieber bei den vierbeinigen Wesen. Bei Ihnen erfolgt der Informationsaustausch - in einigen Wahrnehmungsbereichen wesentlich spezieller und effizienter als beim Menschen - mittels unterschiedlicher Sinnesorgane.
Die "olfaktorische Kommunikation"
Der geruchliche Spürsinn der Hunde und Wölfe ist den meisten von uns sicher hinlänglich bekannt. Insofern ist es nicht wirklich erstaunlich, dass Wölfe einen Teil ihrer Kommunikation über dieses Sinnesorgan absolvieren. Neben dem Markieren von Revieren besitzen Wölfe auch die Fähigkeit, Rudelmitglieder am Geruch zu erkennen. Rudelfremde Wölfe werden rechtzeitig am Geruch erkannt und es wird ihnen dementsprechend begegnet. Das Markieren der Reviergrenzen erfolgt u.a. mit dem Absetzen von Kot, primär jedoch durch das Setzen von Urinmarken. Der Kot wird zumeist an auffälligen Stellen absetzt. Dem privaten Hundehalter sind da vielleicht sofort einige Stellen wie Steine oder Buchsbaumhecken in Erinnerung. Mittels dem Absetzen von Urin bekräftigen ranghohe Tiere gleichzeitig ihre Rudelstellung. Allgemein gilt ja der Glaube, dass lediglich Rüden ein Bein zum urinieren heben. In der Praxis ist es jedoch auch häufig der Fall, dass eine Alpha-Hündin ihr Bein (dann aber nach vorne) hebt und den Urin absetzt. Im Nachgang wird kräftig über die Stelle gekratzt. Über eine - für den Wolf typische Verhaltensweise - freuen sich die meisten Hundefreunde eher wenig. Dem Herumwälzen in Aas, Kot oder ähnlichen. Über konkrete Ursachen, welche diesem Verhalten zu Grunde liegen, gibt es bislang noch keine abgesicherten Aussagen. Vermutet wird u.a. das Bestreben, mit diesem Duft etwaige Beutetiere zu irritieren bzw. bei Beutezügen nicht allzu auffällig (nach Räuber) zu riechen.
Die "visuelle Kommunikation"
Der Bereich, den wir vermeintlich am besten betrachten können und daher glauben, am ehesten interpretieren zu können umfasst all das, was wir selbst sehen. Mit Vorsicht auf den Umstand verweisend, dass auch diese Form der Wahrnehmung unserer subjektiven Interpretation unterliegt, beschreibt Ziemen sehr ausführlich körperlich-wahrnehmbare Verhaltensweisen bei Wölfen und die entsprechende Sinnzusammenhänge. In diesem Zusammenhang entwickelt er ein neues (m.E. schlüssiges) wölfisches Ausdrucksmodell.
Darüberhinaus wird die visuelle Kommunikation in einzelne Teilbereiche unterteilt.
- Ausdruckselemente des Angrffs und der Angst,
- die Beißhemmung,
- Ausdruckselemenete freundlicher Stimmung und
- das Spielverhalten.
Die "akustische Kommunikation"
Neben der unmittelbaren Kommunikation dient diese Form der weiträumigen Informationsübertragung. Akustische Äußerungen ergeben jedoch zumeist erst im komplexen Kontext einen vollständigen Sinngehalt. So muss u.a. ein Winseln nicht unmittelbare Folge eines ängstlichen Verhaltens sein. Sexualität und Erregung können an dieser Stelle durchaus auch eine Rolle spielen.
Das faszinierendste akustische Signal, welches Wölfe uns gewähren, ist sicher das Heulen. Verbunden mit einem deutlichen Freiheitsgefühl, aber auch einem Zustand von Ehrfurcht breitet sich ein Stück Ursprünglichkeit aus. Innerhalb des Rudels besitzt jeder Wolf seine individuelle Tonlage und ist somit gut durch die anderen Artgenossen zu identifizieren. Das Heulen des ganzen Rudels ist nicht zwingendermaßen der logische Schluß eines einzelnen Wolfheulens. Je nach Stellung in der Gruppe findet das einzelne Heulen Anklang oder verhallt. Bisherige Beobachtungen lassen den Schluß zu, dass das Heulen eine positiv besetzte Rudelstimmung anbahnt und somit auch rudelfremden Wölfen die Annäherung erleichtert.
Rangordnung
Hierarchische Strukturen prägen - so manchesmal zum Leidwesen aller - offensichtlich bei den meisten Spezien das gemeinsame Zusammenleben. Hunde und an diser Stelle Wölfe im Speziellen bilden hier natürlich keine Ausnahme. Die Strukturen innerhalb des Rudels bilden sich - mit Blick auf einen gesicherten Fortbestand - erst innerhalb der Lebenszeit heraus. Für die Stellung innerhalb des Rudels scheinen eher Persönlichkeits- und individuelle Sozialkomponenten eine Rolle zu spielen. Die physische Grundausstattung scheint in diesem Zusammenhang nicht unmittelbar einen primären Einfluß auf die Stellung des einzelnen Tieres im Rudel auszuüben. Ohne diesen Umstand empirisch abgesichert belegen zu können, unterstütze ich diesen Ansatz auf Grund der eigenen Erfahrungen. Auch bei uns haben die "kräftigsten" Hunde nicht zwingendermaßen die Alpha-Position inne gehalten. Individuelle Charaktereigenschaften übernahmen diesen Ressourcenfaktor.
Als außenstehende Beobachter neigen wir dazu, den Status innerhalb eines Rudels am Freßverhalten festzumachen. Dieser Bereich scheint derzeit aber nur ein Bereich innerhalb der Komplexität von Rudelhierarchien zu sein. Wölfe an sich kämpfen - so lange für jeden Einzelnen ausreichend Nahrung zur Verfügung steht - nicht um das Futter. Die Gefahr, ein Rudelmitglied dabei zu verletzen und damit die Gesamtsicherheit aufs Spiel zu stellen ist zu präsent. Insofern läßt sich aus etwaigen "Futterdominanzzeremonien" nicht unbedingt die soziale Hierarchie ableiten. Es wird zwischen Futterdominanz und Sozialdominanz unterschieden.
Ähnlich dem menschlichen Begegnungsverhalten gibt es auch bei Wölfen (m.E. ebenso bei Hunden) verschiedene persönliche Distanzabstände, die zu beachten sind. In der menschlichen Psychologie unterscheiden wir zwischen der öffentlichen, der sozialen, der persönlichen und der intimen Distanz. Auch hier gibt es Grenzen, die wir nicht jeden übertreten lassen. Eine Nichtbeachtung dieser Grenzen führt in der Regel zur Verteidigung der eigenen Grenzen oder zur Flucht. Innerhalb der Rudelhierarchie beschreibt die Individualdistanz einen Bereich, den es genauer zu betrachten gilt. Rangniedere Tiere dürfen sich ohne intensive Kontaktaufnahme selten einem ranghöherem Tier nähern. Ziemen lesend begann ich erst diese Aussage im eigenen Umfeld zu beobachten. Und tatsächlich - Annäherungsversuche meiner Hunde (wenn sie sich u.a. in unmittelbarer Nähe ablegen wollen) sind dadurch geprägt, dass sie freundlich auf sich aufmerksam machen und signalisieren, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht. Interessant ist, dass jeder der Hunde diesen Umstand vollkommen individuell - dennoch aber sehr deutlich und unübersehbar - kommuniziert. Hierbei kommt es im Vorfeld grundsätzlich auch zur taktilen Kontaktaufnahme, in Form eines Berührens oder Anleckens etc..
Insofern ist die Entstehung einer Rudelhierarchie ein äußerst komplexer Vorgang. Für diejenigen, die sich für ein Zusammenleben mit den Nachfahren des Wolfes entschieden haben ist daher m.E. das Wissen und Verständnis um die Zusammenhänge - im Sinne eines möglichst entspannten und strukturierten Miteinanders - von grundlegender Bedeutung.
verwendete Literatur: Erik Ziemen, Der Wolf. Stuttgart 2003 (ISBN: 978-3-440-09742-7) 
